ISO 27017

ISO 27017 — Sicherheit für Cloud-Dienste

ISO 27017 übersetzt die Sicherheitsmaßnahmen der ISO 27002 in die Cloud und ergänzt sie um sieben eigene. Sie beantwortet die Frage, die in jedem Cloud-Vertrag offen bleibt: Wer sichert eigentlich was?

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Serverschrank in einem Rechenzentrum, davor ein Techniker mit Notebook

ISO 27017 beantwortet eine Frage, die in Cloud-Verträgen regelmäßig unbeantwortet bleibt: Wer sorgt für welche Sicherheitsmaßnahme — der Anbieter oder der Kunde? Die Norm nimmt den Maßnahmenkatalog der ISO 27002 und schreibt zu einem großen Teil der Maßnahmen cloudspezifische Hinweise dazu, getrennt nach den beiden Rollen. Ergänzt wird sie um sieben eigene Maßnahmen, die es außerhalb der Cloud nicht gibt.

Sie ist damit kein eigenständiges Managementsystem, sondern ein Aufsatz. Wer sie umsetzt, hat in aller Regel bereits ein ISMS nach ISO 27001 oder baut es gerade auf. Der Anlass ist fast immer der Vertrieb: Ein Großkunde schickt einen Sicherheitsfragebogen, in dem nach cloudspezifischen Nachweisen gefragt wird, und die reine ISO 27001 reicht als Antwort nicht mehr aus.

Der Grund für diese Lücke liegt in der Bauweise der ISO 27001. Ihr Maßnahmenkatalog ist bewusst technikneutral formuliert, damit er für eine Werkstatt genauso gilt wie für ein Rechenzentrum. Genau diese Neutralität wird zum Problem, sobald geklärt werden muss, wer eine virtuelle Maschine härtet oder wie Mandanten voneinander getrennt sind. ISO 27017 füllt diese Lücke, ohne den Aufbau des Managementsystems anzutasten.

Die geteilte Verantwortung ist der Kern

Der wesentliche Beitrag der Norm ist nicht die Liste der Maßnahmen, sondern die Zweiteilung. Zu jeder relevanten Maßnahme steht, was der Anbieter des Cloud-Dienstes umzusetzen hat und was der Kunde. Diese Aufteilung ist in der Praxis die häufigste Ursache für Sicherheitsvorfälle in Cloud-Umgebungen: Beide Seiten gehen davon aus, dass die andere zuständig ist.

Das klassische Beispiel ist die Sicherung von Daten. Der Anbieter garantiert die Verfügbarkeit der Plattform, sichert aber nicht zwangsläufig die Inhalte des Kunden gegen versehentliches Löschen. Ähnlich bei Zugriffsrechten: Die Plattform stellt ein Rechtesystem bereit, wer es falsch konfiguriert, hat trotzdem ein offenes Datenverzeichnis. ISO 27017 zwingt beide Seiten, diese Grenze schriftlich zu ziehen, statt sie im Vertragswerk zu umschiffen.

Wie die Aufteilung ausfällt, hängt vom Betriebsmodell ab. Bei reiner Infrastruktur liegt fast alles oberhalb der virtuellen Maschine beim Kunden: Betriebssystem, Aktualisierungen, Anwendungen, Rechte. Bei einer fertigen Anwendung verschiebt sich nahezu alles zum Anbieter, beim Kunden bleiben Benutzerverwaltung, Rechtevergabe und der Umgang mit den eigenen Inhalten. Dazwischen liegt der Bereich, in dem Streit entsteht — Plattformdienste, bei denen der Anbieter die Laufzeitumgebung stellt und der Kunde den Code. Die Norm gibt keine Musterverteilung vor. Sie verlangt, dass die Verteilung benannt und beiden Seiten bekannt ist.

Die sieben cloudspezifischen Maßnahmen

Die eigenen Maßnahmen der Norm tragen das Präfix CLD und lassen sich in drei Gruppen ordnen: Rollen und Daten, Virtualisierung, Betrieb.

MaßnahmeWorum es gehtWas in der Praxis daran hängt
Geteilte Rollen und VerantwortlichkeitenFestlegen, wer welche Maßnahme umsetztEine Verantwortungsmatrix, die Vertrieb, Betrieb und Kunde kennen
Entfernung von KundendatenRückgabe und Löschung bei VertragsendeDokumentierte Löschfristen, Umgang mit Sicherungskopien
Trennung in virtuellen UmgebungenMandanten dürfen einander nicht erreichenNetz- und Speichertrennung, Nachweis der Isolation
Härtung virtueller MaschinenSichere Grundkonfiguration von InstanzenGehärtete Abbilder, Abschalten nicht benötigter Dienste
Administrative BetriebssicherheitAbsicherung hochprivilegierter TätigkeitenGetrennte Administrationszugänge, mehrstufige Anmeldung, Protokollierung
Überwachung der Cloud-DiensteDer Kunde muss die eigene Nutzung überwachen könnenZugängliche Protokolle und Schnittstellen für den Kunden
Gleichlauf virtueller und physischer NetzeEin Regelwerk für beide NetzebenenKeine Sonderwege für virtuelle Netzsegmente

Besonders unterschätzt wird die vorletzte Maßnahme. Sie verpflichtet den Anbieter, dem Kunden überhaupt die Möglichkeit zur Überwachung zu geben. Viele Anbieter erfüllen ihre eigenen Anforderungen an Protokollierung sauber, stellen dem Kunden aber keine auswertbaren Daten bereit. Im Audit ist das eine Feststellung, weil der Kunde damit seine eigene Sorgfaltspflicht nicht erfüllen kann.

Für wen sich die Erweiterung lohnt

Sinnvoll ist ISO 27017 für Anbieter, deren Geschäft an Sicherheitsfragebögen hängt: SaaS-Häuser, Managed-Service-Provider, Rechenzentrumsbetreiber, Anbieter von Branchensoftware mit Betriebsleistung. Sie beantwortet Fragen, die die reine ISO 27001 offen lässt, und ersetzt einen erheblichen Teil individueller Kundenaudits.

Für Cloud-Kunden lohnt sie sich, wenn die eigene Cloud-Nutzung erheblich ist und intern geregelt werden muss. Dann dient die Norm als Prüfliste für die Anbieterauswahl und für die eigene Konfiguration. Eine Zertifizierung ist in dieser Rolle selten nötig — die Kundenspalte der Norm als Grundlage für die Lieferantenbewertung zu verwenden, reicht meist aus.

Wenig sinnvoll ist die Erweiterung in drei Fällen. Wer noch kein ISMS betreibt, sollte zuerst die ISO 27001 aufbauen; ISO 27017 ohne Unterbau ist nicht prüfbar. Wer nur Standard-Bürodienste aus der Cloud nutzt und selbst nichts anbietet, hat keinen Adressaten für das Zertifikat. Und wer im deutschen öffentlichen Sektor verkauft, wird oft trotzdem nach dem C5-Testat gefragt — dann ist zu klären, ob beides gebraucht wird oder eines genügt.

Der Weg zum Nachweis

Der Ablauf der Zertifizierung folgt dem normalen Muster mit Stufe-1- und Stufe-2-Audit, Überwachung und Rezertifizierung. Der Unterschied liegt im Prüfgegenstand, nicht im Verfahren: Geprüft wird das ISMS nach ISO 27001, erweitert um die cloudspezifischen Maßnahmen.

Zwei Vorarbeiten entscheiden über den Aufwand. Erstens muss das Statement of Applicability die CLD-Maßnahmen aufnehmen und für jede die Umsetzung oder den begründeten Ausschluss benennen. Zweitens braucht es eine Zuordnungstabelle zwischen der Nummerierung der ISO 27017 und der aktuellen Struktur der ISO 27002, weil die Cloud-Norm noch der älteren Gliederung folgt. Wer diese Tabelle nicht mitbringt, verbringt den ersten Audittag mit Suchen.

Der zeitliche Zuschlag gegenüber einem reinen ISO-27001-Audit hält sich in Grenzen, weil der Auditor ohnehin im Rechenzentrumsumfeld prüft. Er wächst dort, wo Nachweise fehlen: Jede Maßnahme ohne belegte Umsetzung erzeugt Rückfragen, und cloudspezifische Nachweise lassen sich schlechter improvisieren als organisatorische. Wer die CLD-Maßnahmen erst kurz vor dem Termin einbaut, verschiebt den Aufwand nur in das Nachaudit.

Der Geltungsbereich verdient dabei mehr Sorgfalt als üblich. Zu benennen ist nicht nur die Organisationseinheit, sondern der konkrete Dienst: welche Plattform, welche Rechenzentrumsstandorte, welche Betriebsmodelle. Ein Zertifikat, dessen Geltungsbereich „Cloud-Dienste” lautet, hilft im Vertrieb nicht weiter, weil der Kunde nicht erkennt, ob sein Produkt darunterfällt.

Woran Projekte im Audit scheitern

Die Verantwortungsmatrix existiert nur als Folie. Es gibt eine Darstellung im Vertrieb, aber keine verbindliche Fassung, die Vertragsbestandteil ist und im Betrieb gilt. Der Auditor fragt nach dem Dokument, nicht nach der Präsentation.

Löschung endet vor den Sicherungskopien. Die Produktivdaten werden bei Vertragsende gelöscht, die Backups laufen 90 Tage weiter, und niemand hat dem Kunden das jemals gesagt. Die Maßnahme zur Entfernung von Kundendaten verlangt genau diese Transparenz.

Trennung wird behauptet, nicht belegt. Mandantentrennung ist im Architekturbild eingezeichnet, ein Nachweis über Konfiguration oder Test fehlt. Zunehmend wird hier ein Prüfergebnis erwartet, kein Schaubild.

Administrationszugänge laufen über normale Arbeitsplätze. Administratoren nutzen dieselben Geräte und Konten wie für E-Mail und Recherche. Das ist die häufigste Hauptabweichung in diesem Umfeld, weil ein kompromittierter Arbeitsplatz sofort die gesamte Plattform betrifft.

Der Kunde bekommt keine Protokolle. Es wird umfassend protokolliert, aber ausschließlich für den eigenen Betrieb. Für den Kunden gibt es keine Schnittstelle und keinen Auszug.

Unterauftragnehmer stehen nicht in der Kette. Der Dienst läuft auf fremder Infrastruktur, die eigene Verantwortungsmatrix endet aber an der eigenen Softwaregrenze. Wer weiterverkauft, muss die Kette bis zur physischen Ebene abbilden.

Der Notfallplan endet an der Plattformgrenze. Für den Ausfall der eigenen Anwendung gibt es ein Vorgehen, für den Ausfall des zugrunde liegenden Anbieters keines. Genau dieses Szenario ist der Grund, warum Kunden zusätzlich nach ISO 22301 fragen.

Konfigurationsvorgaben ohne Prüfung. Es gibt eine Härtungsrichtlinie für virtuelle Maschinen, aber keine regelmäßige Kontrolle, ob laufende Instanzen ihr entsprechen. Genau diese Lücke sucht ein internes Audit, das seinen Namen verdient.

Abgrenzung zu verwandten Normen und Prüfschemata

RegelwerkGegenstandVerhältnis zu ISO 27017
ISO 27001Managementsystem für InformationssicherheitVoraussetzung; ISO 27017 wird als Erweiterung geprüft
ISO 27002Umsetzungshinweise zu den MaßnahmenGrundlage; ISO 27017 ergänzt cloudspezifische Hinweise
ISO 27018Personenbezogene Daten in öffentlichen CloudsGleiche Bauweise, anderes Schutzziel; oft gemeinsam geprüft
ISO 27701Managementsystem für DatenschutzWeiter gefasst, erfasst auch die Rolle des Verantwortlichen
BSI C5Prüfkatalog für Cloud-Dienste mit PrüfberichtHöhere Nachweistiefe, im deutschen Behördenumfeld häufig gefordert
SOC 2Prüfbericht nach US-StandardInternational verbreitet, Typ 2 prüft die Wirksamkeit über einen Zeitraum
ISO 22301Business ContinuityDeckt Ausfallszenarien ab, die Cloud-Kunden vertraglich absichern wollen

Die praktische Reihenfolge ist meist eindeutig: zuerst ISO 27001, dann die Erweiterungen, die der Markt tatsächlich abfragt. Wer alle Schemata gleichzeitig angeht, bindet Kapazität, die im Betrieb fehlt — und liefert am Ende Nachweise, nach denen niemand gefragt hat.

Häufige Fragen zu ISO 27017

Kann man sich allein nach ISO 27017 zertifizieren lassen?

Nein. ISO 27017 enthält keine Anforderungen an ein Managementsystem, sondern nur Maßnahmen und Umsetzungshinweise. Geprüft wird sie deshalb als Erweiterung eines bestehenden Informationssicherheits-Managementsystems nach ISO 27001. Das Ergebnis ist in der Regel ein Zertifikat, das den zusätzlichen Prüfumfang ausweist, oder eine gesonderte Bescheinigung mit Bezug auf das ISO-27001-Zertifikat. Ohne gültige ISO 27001 ist beides nicht zu haben.

Gilt ISO 27017 für Anbieter oder für Kunden?

Für beide, und das ist der eigentliche Punkt der Norm. Zu jeder Maßnahme steht getrennt, was der Cloud-Dienstanbieter zu tun hat und was der Cloud-Dienstkunde. Ein Unternehmen, das selbst Software als Dienst anbietet und dafür eine fremde Infrastruktur nutzt, ist gleichzeitig beides und muss beide Spalten bedienen.

Wie viele Maßnahmen kommen gegenüber ISO 27001 dazu?

Sieben eigene, gekennzeichnet mit dem Präfix CLD. Sie betreffen die Aufteilung der Rollen, die Rückgabe und Löschung von Kundendaten, die Trennung in virtuellen Umgebungen, die Härtung virtueller Maschinen, die Absicherung administrativer Tätigkeiten, die Überwachungsmöglichkeiten für Kunden und den Gleichlauf von virtuellen und physischen Netzen. Hinzu kommen cloudspezifische Hinweise zu einem großen Teil der Maßnahmen aus ISO 27002.

Bezieht sich ISO 27017 auf die alte oder die neue ISO 27002?

Auf die ältere Fassung mit der Abschnittsnummerierung vor 2022. Die Neustrukturierung der ISO 27002 in vier Themengruppen ist in ISO 27017 noch nicht nachgezogen. Praktisch heißt das: Sie brauchen eine Zuordnungstabelle zwischen den Nummern der ISO 27017 und Ihrem aktuellen Statement of Applicability. Das ist lästig, aber Routine — Zertifizierungsstellen erwarten diese Zuordnung.

Ersetzt ISO 27017 den BSI C5 oder SOC 2?

Nein, sie beantworten verschiedene Fragen. ISO 27017 prüft, ob die Maßnahmen eingerichtet sind. C5 und SOC 2 Typ 2 prüfen zusätzlich, ob sie über einen Zeitraum hinweg wirksam funktioniert haben, und liefern einen Prüfbericht mit Feststellungen statt einer Urkunde. Öffentliche Auftraggeber und größere Konzerne verlangen im deutschen Markt oft C5, international häufiger SOC 2.

Was ist der Unterschied zu ISO 27018?

Das Schutzziel. ISO 27017 behandelt Informationssicherheit in der Cloud allgemein — Verfügbarkeit, Trennung von Mandanten, Administration. ISO 27018 behandelt ausschließlich den Umgang mit personenbezogenen Daten, wenn der Anbieter als Auftragsverarbeiter tätig wird. Viele Anbieter lassen beide zusammen mit der ISO 27001 prüfen, weil sich der Auditaufwand überschneidet.

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