Das Ishikawa-Diagramm beantwortet eine einzige Frage: Was kommt als Ursache überhaupt in Betracht? Es sammelt und strukturiert, es bewertet nicht. Genau darin liegt sein Wert — und die häufigste Fehlanwendung.
Aufbau
Rechts steht das Problem, möglichst konkret formuliert. Nicht „Qualitätsprobleme”, sondern „Ausschussquote an Linie 3 seit KW 32 von 2 auf 7 Prozent gestiegen”. Von links verläuft die Hauptlinie darauf zu, in die schräg die Hauptkategorien einmünden. An jeder Kategorie hängen die konkreten Ursachen, an denen wiederum Unterursachen hängen können.
Die 6M
| Kategorie | Typische Fragen |
|---|---|
| Mensch | Qualifikation, Einweisung, Belastung, Wechsel im Team? |
| Maschine | Wartungszustand, Einstellung, Verschleiß, Umbau? |
| Material | Chargenwechsel, Lieferantenwechsel, Lagerung, Spezifikation? |
| Methode | Arbeitsanweisung aktuell, Verfahren geändert, Abkürzungen im Alltag? |
| Mitwelt | Temperatur, Feuchte, Licht, Platz, Störungen? |
| Messung | Prüfmittel kalibriert, Prüfverfahren geeignet, Auswertung korrekt? |
Die sechste Kategorie wird am häufigsten übersehen und ist überraschend oft die Lösung: Nicht der Prozess hat sich verändert, sondern die Art, wie gemessen wird.
Vorgehen
- Problem präzise formulieren. Mit Zahlen, Zeitpunkt und Ort. Ein unscharfes Problem erzeugt ein unscharfes Diagramm.
- Kategorien festlegen. Die 6M als Ausgangspunkt, angepasst an den Kontext.
- Ursachen sammeln. Im Team, ohne Bewertung, ohne Diskussion über Zuständigkeit. Diese Trennung ist entscheidend, sonst verteidigen sich Beteiligte statt beizutragen.
- Vertiefen. Zu jeder genannten Ursache fragen: warum? Zwei bis drei Ebenen reichen meist.
- Priorisieren. Welche Äste sind plausibel und prüfbar?
- Verifizieren. Die aussichtsreichsten Hypothesen mit Daten prüfen. Erst hier entsteht Erkenntnis.
Wer moderiert, sollte nicht aus dem betroffenen Bereich kommen. Fachliche Autorität in der Moderationsrolle beendet das Sammeln früher, als der Zeitplan es vorsieht.
Abgrenzung zu den benachbarten Werkzeugen
| Werkzeug | Beantwortet | Braucht |
|---|---|---|
| Ishikawa | Welche Ursachen kommen in Frage? | Erfahrungswissen aus dem Prozess |
| 5 Why | Warum ist diese eine Ursache entstanden? | Eine bereits benannte Ursache |
| Pareto-Analyse | Welche Fehlerart trifft uns am härtesten? | Zahlen aus mehreren Fällen |
Die Reihenfolge in der Praxis: Pareto sagt, welches Problem sich lohnt. Ishikawa öffnet die möglichen Ursachen. 5 Why geht bei den plausibelsten in die Tiefe. Im 8D-Report sind diese Schritte in D4 zusammengefasst — Ishikawa ohne anschließende Verifikation lässt den 8D dort stecken.
Was ein Auditor damit anfängt
Die Norm schreibt kein Werkzeug für die Ursachenanalyse vor. Sie verlangt bei einer Nichtkonformität, dass die Ursache bewertet und beseitigt wird. Ein Ishikawa-Diagramm im Anhang einer Korrekturmaßnahme ist deshalb kein Nachweis für sich. Gefragt wird nach dem, was danach kam: Welcher Ast wurde weiterverfolgt, womit wurde er belegt, und warum die anderen nicht?
Ein Diagramm mit vierzig Zetteln und einer Maßnahme, die zu keinem davon passt, richtet mehr Schaden an als gar keins. Es zeigt dem Auditor, dass die Analyse stattgefunden hat und ohne Wirkung geblieben ist.
Typische Fehler
Das Diagramm gilt als Ergebnis. Es ist eine Hypothesensammlung. Ohne Verifikation folgt daraus eine Maßnahme auf Verdacht.
Schuldzuweisung statt Ursachensuche. Sobald die Kategorie Mensch zur Namensliste wird, endet die ehrliche Beteiligung. Gemeint sind Bedingungen — Einweisung, Belastung, Verfügbarkeit von Information — nicht Personen.
Zu viele Äste. Ein Diagramm mit 60 Ursachen ist unbrauchbar. Besser eng am konkreten Problem bleiben und lieber ein zweites Diagramm anlegen.
Einsatz an der falschen Stelle. Für ein einfaches, offensichtliches Problem ist der Aufwand zu hoch. Ishikawa lohnt sich, wenn mehrere Ursachen zusammenwirken könnten und die naheliegende Erklärung bereits gescheitert ist.
