ISO 14067

ISO 14067 — Fußabdruck von Produkten

ISO 14067 legt fest, wie der Treibhausgas-Fußabdruck eines einzelnen Produkts berechnet und berichtet wird. Ein Zertifikat gibt es dafür nicht — geprüft wird die einzelne Studie, nicht das Unternehmen.

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Prozessplan an einer Wand, zwei Personen arbeiten daran

ISO 14067 beschreibt, wie der Treibhausgas-Fußabdruck eines Produkts berechnet, dokumentiert und berichtet wird. Gemeint ist der einzelne Artikel: eine Palette Zement, ein Getriebe, eine Verpackungsfolie, eine Kilowattstunde Fernwärme. Die Norm sagt nicht, wie hoch dieser Wert sein darf. Sie legt fest, nach welchen Regeln gerechnet wird, damit die Zahl nachvollziehbar ist und einer Nachfrage standhält.

Der Anlass kommt fast immer von außen. Ein Automobilhersteller verlangt für jedes Zukaufteil einen Fußabdruck, ein Handelskunde nimmt die Angabe in die Lieferantenbewertung auf, eine öffentliche Ausschreibung vergibt Punkte dafür, oder ein Konzern braucht die Zahlen seiner Zulieferer, um die eigene Berichterstattung zu füllen. Die Anforderung wandert also durch die Lieferkette nach unten — häufig bei Betrieben an, die noch nie eine Ökobilanz gerechnet haben.

Die Norm ist ein Aufsatz auf die Ökobilanz

ISO 14067 steht nicht für sich. Sie greift die Methodik der Ökobilanz aus ISO 14040 und ISO 14044 auf und verengt sie auf eine einzige Wirkungskategorie: den Klimawandel. Alles andere, was eine vollständige Ökobilanz betrachtet — Versauerung, Wasserverbrauch, Flächenbedarf, Toxizität —, bleibt außen vor. Wer die Grundnormen kennt, findet sich in ISO 14067 sofort zurecht. Wer sie nicht kennt, unterschätzt regelmäßig, wie viel methodische Entscheidung in einer scheinbar einfachen Zahl steckt.

Eine Studie nach ISO 14067 besteht aus vier Bestandteilen, die aufeinander aufbauen.

BestandteilWas darin festgelegt wirdTypischer Fehler
Ziel und UntersuchungsrahmenZweck der Studie, Adressat, funktionelle oder deklarierte Einheit, Systemgrenze, AbschneidekriterienDie funktionelle Einheit wird nicht definiert, gerechnet wird „pro Stück”
SachbilanzErhebung aller Energie- und Stoffströme entlang des Lebenswegs, Zuordnung zu ProzessenPrimärdaten aus dem eigenen Werk fehlen, alles kommt aus der Datenbank
WirkungsabschätzungUmrechnung in CO2-Äquivalente mit benannten TreibhauspotenzialenQuelle und Ausgabejahr der Faktoren sind nicht dokumentiert
Auswertung und BerichtBeitragsanalyse, Sensitivität, Unsicherheit, EinschränkungenDer Bericht nennt nur das Ergebnis, nicht den Weg dorthin

Die funktionelle Einheit ist der Kern und wird am häufigsten unterschätzt. Sie beschreibt nicht das Produkt, sondern seinen Nutzen: nicht „ein Liter Farbe”, sondern „die Beschichtung eines Quadratmeters Wand für zehn Jahre”. Erst diese Formulierung macht zwei Produkte überhaupt vergleichbar. Wo ein Nutzen sich nicht sinnvoll beschreiben lässt, etwa bei einem Vorprodukt, lässt die Norm die deklarierte Einheit zu — eine schlichte Bezugsmenge wie ein Kilogramm. Das ist zulässig, schränkt aber jede Vergleichsaussage ein.

Wie weit der Lebensweg reicht

Die zweite Grundentscheidung ist die Systemgrenze. Sie bestimmt das Ergebnis stärker als jede Datenqualität, und sie ist der Punkt, an dem zwei Zahlen für dasselbe Produkt weit auseinanderliegen können, ohne dass eine davon falsch wäre.

SystemgrenzeWas enthalten istWofür sie üblich ist
Von der Wiege bis zum WerkstorRohstoffe, Vorleistungen, Transporte bis zum eigenen Werk, eigene ProduktionVorprodukte und Halbzeuge, die beim Kunden weiterverarbeitet werden
Von der Wiege bis zur BahreZusätzlich Distribution, Nutzungsphase und EntsorgungFertigprodukte mit relevantem Energieverbrauch in der Nutzung
Teilweiser FußabdruckEin festgelegter Ausschnitt des LebenswegsZulieferung in Branchenprogramme mit eigenen Regeln

Die Norm erlaubt alle drei Varianten, verlangt aber die klare Kennzeichnung. Ein Fußabdruck bis zum Werkstor darf nicht als Fußabdruck des Produkts verkauft werden. Bei Geräten mit Stromverbrauch verschiebt die Nutzungsphase das Ergebnis oft um ein Vielfaches — wer sie weglässt, erhält eine Zahl, die für die Kaufentscheidung wertlos ist.

Drei weitere Regeln stiften in der Praxis regelmäßig Verwirrung. Biogener Kohlenstoff, etwa in Holz oder Papier, ist getrennt auszuweisen und nicht stillschweigend mit fossilen Emissionen zu verrechnen. Direkte Landnutzungsänderungen werden gesondert berichtet. Und Kompensationen dürfen den Fußabdruck nicht mindern: Emissionszertifikate stehen außerhalb der Rechnung, weil die Norm den tatsächlichen Ausstoß abbilden soll, nicht die Bilanz nach Ausgleich.

Warum es kein ISO-14067-Zertifikat gibt

ISO 14067 ist keine Managementsystemnorm. Sie enthält keine Anforderungen an Führung, Kompetenz, interne Audits oder Managementbewertung, wie sie ISO 14001 oder ISO 50001 stellen. Es existiert kein System, das eine Stelle über einen Zertifizierungszyklus hinweg überwachen könnte. Wer ein „ISO-14067-Zertifikat” angeboten bekommt, sollte sich zeigen lassen, worauf sich die Urkunde bezieht — in aller Regel ist damit die geprüfte Studie gemeint, nicht das Unternehmen.

Der anerkannte Nachweis ist die kritische Prüfung. Eine unabhängige Person oder ein Panel prüft die Studie auf methodische Übereinstimmung mit der Norm, auf Nachvollziehbarkeit der Daten und auf Angemessenheit der Annahmen. Sobald die Ergebnisse Dritten gegenüber verwendet werden, gehört diese Prüfung dazu. Der Prüfbericht bezieht sich auf genau diese Berechnung, dieses Produkt und diesen Datenstand. Ändert sich der Lieferant des Hauptmaterials, ist die Aussage nicht mehr gedeckt.

Die zweite Nachweisform ist die Umweltproduktdeklaration nach ISO 14025, in Bau und Ausbau nach EN 15804. Sie folgt einer vorgegebenen Produktkategorieregel, wird von einem Programmbetreiber veröffentlicht und ist damit für Ausschreibungen deutlich anschlussfähiger als eine freie Studie. Wer im Bauumfeld gefragt wird, wird meist nicht ISO 14067 brauchen, sondern eine EPD.

Für wen sich die Rechnung lohnt

Sinnvoll ist eine Studie nach ISO 14067, wenn die Zahl produktbezogen nach außen gehen muss und Rückfragen standhalten soll. Das betrifft Zulieferer der Automobil-, Elektro- und Bauindustrie, Hersteller von Verpackungen und Vorprodukten sowie Betriebe, die in Ausschreibungen mit Umweltkriterien antreten oder Kunden im Anwendungsbereich der CSRD beliefern.

Wenig sinnvoll ist der volle Normweg in drei Fällen. Wer intern wissen will, wo die Energie hingeht, ist mit einem Energiemanagementsystem schneller und näher an belastbaren Messwerten. Wer eine Zahl für das ganze Unternehmen braucht, rechnet nach ISO 14064 — eine Produktstudie beantwortet diese Frage nicht und lässt sich auch nicht hochrechnen. Und wer ein Sortiment mit hunderten Varianten führt, sollte zuerst Produktgruppen bilden und die Datenerhebung standardisieren, statt eine erste Einzelstudie zu beauftragen, die sich nicht wiederholen lässt.

Der Weg zur belastbaren Zahl

Der Ablauf hat mit dem klassischen Zertifizierungsablauf wenig gemeinsam. Es gibt kein Stufe-1- und Stufe-2-Audit, keine Überwachung, keinen Dreijahreszyklus. Stattdessen wird ein Bericht geprüft, und der Aufwand entscheidet sich fast vollständig an der Frage, wie gut die Datenspur ist.

Praktisch beginnt jedes Projekt mit der Stückliste und dem Prozessplan. Für jedes Material wird die Herkunft geklärt, für jeden Fertigungsschritt der Energieeinsatz. Genau hier scheitern die meisten Erstversuche: Der Stromzähler misst die ganze Halle, nicht die Maschine, und der Verbrauch je Teil muss über Laufzeiten und Anschlussleistungen hergeleitet werden. Diese Herleitung ist zulässig, muss aber begründet und wiederholbar sein. Wer Primärdaten für die eigene Fertigung liefern kann und für Vorleistungen auf anerkannte Datenbanken zurückgreift, kommt durch die Prüfung. Wer den ganzen Lebensweg aus Durchschnittswerten baut, bekommt eine Zahl ohne Aussagekraft.

Bewährt hat sich, den Prüfumfang vorab schriftlich festzulegen: funktionelle Einheit, Systemgrenze, Datenstand, Abschneidekriterien, Umgang mit Nebenprodukten. Wer das erst im Prüftermin klärt, diskutiert Methodik, während das Budget schon aufgebraucht ist.

Woran Produktstudien in der Prüfung scheitern

Die funktionelle Einheit fehlt oder passt nicht zum Zweck. Gerechnet wird pro Kilogramm, verglichen wird später pro Bauteil. Damit ist jede Aussage angreifbar.

Zuordnung bei Nebenprodukten ist nicht begründet. Aus einem Prozess fallen zwei Produkte, die Emissionen werden nach Masse verteilt, obwohl der wirtschaftliche Wert weit auseinanderliegt. Die Norm verlangt eine begründete Wahl und, wo möglich, die Vermeidung der Zuordnung durch Prozessaufteilung.

Der Strommix ist nicht sauber hergeleitet. Es wird mit einem Ökostromtarif gerechnet, ohne die Nachweise zu benennen, oder umgekehrt mit dem nationalen Durchschnitt, obwohl ein Direktliefervertrag besteht. Beide Wege sind vertretbar, aber nur mit Beleg.

Abschneidekriterien werden nachträglich gesetzt. Positionen, deren Erhebung sich als mühsam erweist, verschwinden als „nicht wesentlich” — ohne dass jemals ein Schwellenwert festgelegt wurde.

Transporte werden geschätzt statt erfasst. Entfernung, Verkehrsträger und Auslastung stehen im Frachtvertrag, in der Studie stehen Annahmen. Bei schweren Vorprodukten verschiebt das Ergebnisse spürbar.

Der Bericht nennt keine Unsicherheit. Eine Zahl mit drei Nachkommastellen ohne Aussage zur Datenqualität ist in der Prüfung ein Warnsignal. Scheingenauigkeit ersetzt keine Belastbarkeit.

Niemand im Haus ist zuständig. Die Daten liegen in Einkauf, Arbeitsvorbereitung, Technik und Buchhaltung, verantwortlich fühlt sich niemand. Wie bei jedem Managementthema ist die Frage der Verantwortung vor der Methodenfrage zu klären.

Abgrenzung zu verwandten Regelwerken

RegelwerkGegenstandVerhältnis zu ISO 14067
ISO 14040 und ISO 14044Ökobilanz über alle WirkungskategorienMethodische Grundlage; ISO 14067 verengt sie auf den Klimawandel
ISO 14064-1Treibhausgasbilanz der OrganisationAndere Bezugsgröße; Zahlen sind weder vergleichbar noch addierbar
ISO 14025 und EN 15804Umweltproduktdeklaration nach ProduktkategorieregelnVeröffentlichtes Nachweisformat; in Bauausschreibungen meist die gefragte Form
GHG Protocol Product StandardProduktbilanz nach dem Regelwerk des GHG ProtocolInhaltlich verwandt, eigene Berichtsregeln; nicht deckungsgleich
ISO 14068-1Aussagen zur KlimaneutralitätSetzt eine Bilanz voraus und regelt Reduktionspfad und Kompensation
ISO 14001UmweltmanagementsystemZertifizierbar; kann die Produktbilanz als geregeltes Verfahren aufnehmen
CSRD und ESRSGesetzliche NachhaltigkeitsberichterstattungFragt Emissionsdaten ab; Produktfußabdrücke speisen die Angaben zur Wertschöpfungskette

Die Reihenfolge in der Praxis ist meist umgekehrt zur Erwartung. Zuerst ist zu klären, wer die Zahl wofür braucht und in welchem Format sie akzeptiert wird. Erst danach entscheidet sich, ob eine Studie nach ISO 14067, eine EPD oder schlicht ein nachvollziehbarer Datensatz für den Kunden das Richtige ist.

Häufige Fragen zu ISO 14067

Kann man sich nach ISO 14067 zertifizieren lassen?

Nein. ISO 14067 beschreibt kein Managementsystem, sondern ein Rechenverfahren für ein einzelnes Produkt. Es gibt also nichts, was eine Zertifizierungsstelle über drei Jahre überwachen könnte. Möglich ist die kritische Prüfung der Studie durch eine unabhängige Person oder ein Prüfpanel. Das Ergebnis ist ein Prüfbericht zu genau dieser Berechnung — kein Zertifikat und keine Aussage über andere Produkte des Hauses.

Was ist der Unterschied zwischen ISO 14067 und ISO 14064?

Die Bezugsgröße. ISO 14064-1 bilanziert die Emissionen einer Organisation über ein Geschäftsjahr, ISO 14067 die Emissionen eines Produkts über seinen Lebensweg. Beide Zahlen lassen sich nicht ineinander umrechnen und auch nicht addieren. Wer beides braucht, führt zwei Rechnungen — die Produktrechnung greift dabei häufig auf Verbrauchsdaten zurück, die für die Organisationsbilanz ohnehin erhoben werden.

Darf ich zwei Produkte anhand ihres CO2-Fußabdrucks vergleichen?

Nur unter engen Bedingungen. Funktionelle Einheit, Systemgrenzen, Datenqualität, Zuordnungsregeln und Emissionsfaktoren müssen übereinstimmen. In der Praxis ist das fast nie der Fall, weil jede Studie eigene Annahmen trifft. Ein Vergleich zweier unabhängig erstellter Fußabdrücke ist deshalb methodisch angreifbar, auch wenn beide korrekt nach der Norm gerechnet wurden.

Darf ich Kompensationen vom Fußabdruck abziehen?

Nein. Die Norm verlangt, dass der Fußabdruck die tatsächlichen Emissionen des Lebenswegs ausweist. Zertifikate aus Klimaschutzprojekten sind kein Bestandteil dieser Rechnung und dürfen das Ergebnis nicht mindern. Wer kompensiert, weist das getrennt aus. Aussagen zur Klimaneutralität regelt ISO 14068-1, nicht ISO 14067.

Brauche ich für jedes Produkt eine eigene Studie?

Nicht zwingend. Zulässig ist die Bildung von Produktgruppen, wenn die Herstellung tatsächlich vergleichbar ist und die Unterschiede das Ergebnis nicht wesentlich verändern. Die Begründung dafür gehört in die Studie. Was in der Prüfung durchfällt, ist die stillschweigende Übertragung einer Zahl auf eine Variante mit anderem Material oder anderer Fertigungstiefe.

Wie lange ist ein Produkt-Fußabdruck gültig?

Die Norm nennt keine Frist. Maßgeblich ist, ob die Grundlage noch stimmt: Ändern sich Rezeptur, Lieferant, Fertigungsort, Strombezug oder die verwendeten Emissionsfaktoren wesentlich, ist die Zahl überholt. Üblich ist eine Überprüfung im Jahresrhythmus, mindestens aber bei jeder Konstruktions- oder Lieferantenänderung.

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