Methode und Werkzeug

Risikomatrix

Die Risikomatrix ordnet Risiken in einem Raster aus Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadensausmaß ein, um sie vergleichbar und priorisierbar zu machen.

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Zwei Personen bewerten Kennzahlen an einem Monitor

Die Risikomatrix ist das verbreitetste Werkzeug der Risikobewertung — und das am häufigsten missverstandene. Sie macht Risiken vergleichbar, indem sie zwei Größen zusammenführt: Wie wahrscheinlich tritt ein Ereignis ein, und wie schwer wirkt es?

Aufbau

Auf der einen Achse steht die Eintrittswahrscheinlichkeit, auf der anderen das Schadensausmaß. Jede Zelle entspricht einer Risikoklasse, meist abgestuft von grün bis rot. Aus der Klasse folgt die Handlungsanweisung.

RisikoklasseÜbliche Konsequenz
GeringAkzeptieren, beobachten, dokumentieren
MittelMaßnahmen prüfen, wirtschaftliche Abwägung
HochMaßnahmen verbindlich, Termin und Verantwortlicher
Sehr hochTätigkeit einstellen oder sofort absichern

Entscheidend und oft vergessen: Die Zuordnung von Klasse zu Konsequenz muss vorher feststehen. Sonst wird hinterher diskutiert, ob ein rotes Feld wirklich rot gemeint war.

Was vorher festzulegen ist

Die Skalen mit Ankern. „Wahrscheinlich“ bedeutet für zwei Personen Unterschiedliches. Brauchbar wird die Skala erst mit Ankern, auf beiden Achsen — bei der Schadensachse mit Bezug auf Personen, Geld, Ausfallzeit oder Reputation. Für einen produzierenden Betrieb kann das so aussehen:

StufeEintrittswahrscheinlichkeitSchadensausmaß
1Bisher nie vorgekommenIntern behebbar, kein Kundenkontakt
2Seltener als alle fünf JahreNacharbeit, Liefertermin hält
3Etwa einmal jährlichTerminverzug, Kunde ist zu informieren
4Mehrmals jährlichLieferausfall mit vertraglichen Folgen

Die Anker gehören zu Ihrem Betrieb, nicht zu einer Vorlage. Entscheidend ist, dass sie schriftlich vorliegen, bevor die erste Bewertung stattfindet. Wer die Skala erst beim Bewerten festlegt, passt sie unbemerkt an das gewünschte Ergebnis an.

Der Bewertungsgegenstand. Bewertet wird das Risiko vor Maßnahmen (Bruttorisiko) oder danach (Nettorisiko). Beides ist sinnvoll, die Vermischung nicht: Sonst bleibt offen, ob eine niedrige Einstufung auf einer Maßnahme beruht oder auf Glück.

Die Konsistenz. Zwei Personen müssen bei derselben Sachlage ähnlich einstufen. ISO 27001 verlangt das ausdrücklich: wiederholbare Ergebnisse.

Abgrenzung zu benachbarten Verfahren

VerfahrenLeitfrageErgebnis
RisikomatrixWie schwer wiegt dieses Risiko?Risikoklasse
FMEAWo kann ein Prozess versagen, und was folgt daraus?Fehlerliste mit Maßnahmen
RisikoinventarWelche Risiken kennen wir überhaupt?Liste mit Status

Die Matrix ist ein Bewertungsschritt, kein Risikomanagement: Sie folgt der Identifikation und geht der Risikobehandlung voraus. Wer nur sie pflegt, hat den Schritt davor und danach ausgelassen.

Die Grenzen

Die Matrix erzeugt Scheingenauigkeit: Aus zwei Schätzungen wird eine Zahl, die belastbarer wirkt als ihre Grundlage. Drei Punkte sollte man kennen.

Gleiche Zelle, ungleiches Risiko. Ein häufiges Ereignis mit geringem Schaden landet rechnerisch dort, wo auch das seltene Katastrophenereignis liegt. Die angemessene Reaktion ist eine völlig andere.

Existenzbedrohende Risiken verschwinden im Raster. Würde ein Ereignis das Unternehmen beenden, ist seine geringe Wahrscheinlichkeit kein Argument. Solche Risiken gehören gesondert betrachtet.

Die Skala verzerrt. Wer eine Achse fein und die andere grob teilt, verschiebt systematisch alle Ergebnisse.

Woran es in der Praxis scheitert

Die Matrix wird für das Audit gebaut. Hunderte Ampelzeilen, die danach niemand öffnet, sind formal vorzeigbar und praktisch wertlos.

Niemand entscheidet. Eine Bewertung ohne Entscheidung über Risikoakzeptanz oder Maßnahme bleibt folgenlos. Rot ist kein Ergebnis, sondern eine Aufforderung.

Die Einstufung wird nachträglich weichgezeichnet. Wäre ein Risiko rot, ist aber keine Maßnahme finanziert, wandert die Wahrscheinlichkeit eine Stufe nach unten. Hier verliert die Methode ihre Aussagekraft, und nachweisbar ist das kaum. Dagegen hilft nur, jede Einstufung kurz zu begründen.

Die Matrix wird einmal gefüllt. Risikobewertung ist ein wiederkehrender Vorgang; ein drei Jahre alter Stand beschreibt ein anderes Unternehmen.

Nützlich bleibt die Matrix trotzdem: als Werkzeug, um strukturiert über Risiken zu sprechen und Prioritäten sichtbar zu machen. Als Rechenmaschine, deren Ergebnis man ungeprüft übernimmt, ist sie gefährlich.

Häufige Fragen

Schreibt ISO 9001 eine Risikomatrix vor?

Nein. ISO 9001 verlangt risikobasiertes Denken, aber weder ein formales Risikomanagement noch eine bestimmte Methode. Eine Matrix ist eine mögliche Umsetzung, keine Anforderung. Auditoren dürfen sie nicht einfordern — wohl aber nachvollziehbare Entscheidungen.

Was ist die Risikomatrix nach Nohl?

Ein im Arbeitsschutz verbreitetes Verfahren, das die mögliche Schadensschwere in vier Stufen und die Eintrittswahrscheinlichkeit in vier Stufen abbildet. Es stammt aus der Gefährdungsbeurteilung nach Arbeitsschutzgesetz und wird häufig im Umfeld von ISO 45001 eingesetzt.

Wie viele Stufen sollte die Skala haben?

Drei bis fünf je Achse sind üblich. Mehr Stufen suggerieren eine Genauigkeit, die die zugrunde liegende Schätzung nicht hergibt. Eine gerade Anzahl verhindert die Flucht in die Mitte, eine ungerade erlaubt bewusst eine mittlere Einstufung — beides ist vertretbar, solange es konsistent angewendet wird.

Warum steht die Risikomatrix methodisch in der Kritik?

Weil das Produkt aus zwei geschätzten Ordinalwerten mathematisch fragwürdig ist: Ein seltenes Ereignis mit katastrophaler Wirkung und ein häufiges mit geringer Wirkung landen in derselben Zelle, obwohl sie völlig unterschiedliche Antworten verlangen. Die Matrix ist ein Kommunikationswerkzeug, kein Rechenverfahren.

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