Eine Norm ist zertifizierbar, wenn sie Anforderungen in verbindlicher Form enthält und ein akkreditiertes Verfahren existiert, in dem eine unabhängige Stelle deren Erfüllung bestätigt. Beides muss zusammenkommen. Leitfäden erfüllen die erste Bedingung nicht und sind deshalb grundsätzlich nicht zertifizierbar.
Anforderung oder Anleitung
Die Antwort steht in Kapitel 1 der Norm. Eine zertifizierbare Norm legt Anforderungen fest, ein Leitfaden gibt Anleitung. Im Text setzt sich das fort: „muss” gegen „sollte”. Viele Leitfäden formulieren das Ausschlusskriterium sogar selbst, etwa ISO 26000, die ausdrücklich nicht für Zertifizierungszwecke bestimmt ist.
| Zertifizierbar | Leitfaden |
|---|---|
| ISO 9001, ISO 14001, ISO 45001 | ISO 9004, ISO 14005 |
| ISO/IEC 27001, ISO 22301 | ISO/IEC 27002, ISO/IEC 27005 |
| ISO 50001, ISO/IEC 42001 | ISO 31000, ISO 26000 |
| ISO 13485, ISO 22000 | ISO 19011 |
Die zweite Spalte ist deshalb interessant, weil dort die praktisch nützlichsten Normen stehen. ISO 19011 beschreibt, wie Audits geführt werden, und ist die Grundlage fast jedes internen Audits. Zertifizieren lässt sie sich trotzdem nicht.
Die zweite Bedingung wird übersehen
Anforderungen allein genügen nicht. Es braucht eine Akkreditierungsgrundlage, damit eine Zertifizierungsstelle ihre Konformitätsbewertung mit dem Symbol der Akkreditierungsstelle ausstellen kann. Bei jungen Normen entsteht dadurch eine Lücke: Die Norm ist veröffentlicht und formal zertifizierbar, das akkreditierte Verfahren wird aber erst aufgebaut.
In dieser Phase kursieren Zertifikate ohne Akkreditierungssymbol. Sie sind nicht gefälscht, aber sie tragen keine unabhängige Bestätigung der ausstellenden Stelle. Wer in dieser Phase zertifiziert, sollte die Frage vorab klären — nicht nachträglich beim ersten Kunden, der den Nachweis prüft. Der Blick in das öffentliche Verzeichnis der Akkreditierungsstelle beantwortet sie in wenigen Minuten. Wie das Zusammenspiel funktioniert, beschreibt die Konformitätsbewertung.
Personen, Produkte und Systeme werden verwechselt
Ein großer Teil der Angebote für nicht zertifizierbare Normen betrifft Personenzertifikate. Eine Schulung zu ISO 31000 mit anschließender Prüfung führt zu einem Zertifikat für die Person. Das ist legitim, sagt aber nichts über die Organisation aus.
In Ausschreibungen führt diese Unschärfe zu Fehlern in beide Richtungen. Wird ein Systemzertifikat gefordert und ein Personenzertifikat vorgelegt, fehlt der Nachweis. Wird umgekehrt eine Fachkunde gefordert, hilft ein Systemzertifikat nicht weiter.
Zertifizierbar heißt nicht sinnvoll
Die letzte Prüfung ist die kaufmännische. Nicht jede zertifizierbare Norm passt zu jeder Organisation. Ein Zertifikat lohnt sich, wenn Kunden, Aufsichtsbehörden oder Ausschreibungen es verlangen oder das System einen echten Steuerungsnutzen hat. Fehlen beide Gründe, entsteht ein Managementsystem, das nur den Auditzyklus bedient.
Der umgekehrte Fall kommt ebenfalls vor: Eine Norm wird nicht zertifiziert, aber angewendet. Das ist bei Leitfäden der Normalfall und bei zertifizierbaren Normen völlig zulässig. Ein Unternehmen kann sein System nach ISO 14001 aufbauen und auf das Zertifikat verzichten, solange niemand den Nachweis verlangt. Formulierungen wie „zertifizierungsreif” oder „in Anlehnung an” beschreiben genau diesen Zustand — sie sind ehrlich, ersetzen aber in Ausschreibungen kein Zertifikat und sollten deshalb nicht als eines dargestellt werden.
