Die Risikomatrix nach Nohl ist das im deutschen Arbeitsschutz verbreitetste Bewertungsraster für Gefährdungen. Sie geht auf eine Arbeit von Joachim Nohl und Werner Thiemecke zurück und ordnet jede Gefährdung nach zwei Größen ein: der möglichen Schadensschwere und der Wahrscheinlichkeit, mit der ein Schadensereignis eintritt. Beide Achsen haben vier Stufen.
Die Schadensachse ist der eigentliche Unterschied
Anders als bei einer betrieblichen Risikomatrix sind die Schadensstufen nicht frei wählbar, sondern an Verletzungsfolgen gebunden:
| Stufe | Mögliche Schadensschwere |
|---|---|
| 1 | Leichte Verletzung oder Erkrankung, keine oder kurze Arbeitsunfähigkeit |
| 2 | Mittelschwere Verletzung, meldepflichtiger Arbeitsunfall mit Arbeitsunfähigkeit |
| 3 | Schwere Verletzung mit bleibendem Gesundheitsschaden |
| 4 | Tod oder mehrere Schwerverletzte |
Diese Verankerung macht die Bewertung zwischen Betrieben vergleichbar. Sie ist zugleich die Begrenzung des Verfahrens: Für Lieferengpässe, Datenverluste oder Reputationsschäden gibt es in dieser Skala keinen Platz.
Die zweite Achse reicht von „praktisch unwahrscheinlich” über „denkbar” und „möglich” bis „zu erwarten”. Sie wird nicht abstrakt geschätzt, sondern mit Blick auf die konkrete Tätigkeit: Wie oft steht jemand in diesem Gefahrenbereich, wie lange, unter welchen Bedingungen.
Aus der Zelle folgt die Dringlichkeit, nicht die Maßnahme
Die Kombination beider Stufen ergibt eine Risikoklasse. In der Praxis werden diese Klassen zu Handlungsstufen zusammengefasst: hinnehmbar, mittelfristig zu verbessern, kurzfristig zu beheben, sofort zu unterbinden. Festgelegt wird damit nur die Dringlichkeit.
Welche Maßnahme folgt, bestimmt die Rangfolge des Arbeitsschutzes: Gefahrenquelle beseitigen, sonst technisch sichern, sonst organisatorisch regeln, erst zuletzt persönliche Schutzausrüstung. Diese Reihenfolge ist der Punkt, an dem Gefährdungsbeurteilungen im Audit auffallen — wenn zu jeder Gefährdung als Maßnahme eine Unterweisung oder eine Schutzbrille steht, wurde die Rangfolge übersprungen.
Nach der Umsetzung wird erneut bewertet. Erst die zweite Einstufung zeigt, ob das Restrisiko vertretbar ist.
Abgrenzung zu benachbarten Verfahren
| Verfahren | Größen | Einsatzgebiet |
|---|---|---|
| Nohl | Schadensschwere, Eintrittswahrscheinlichkeit | Gefährdungsbeurteilung, Arbeitsschutz |
| Kinney | Wahrscheinlichkeit, Expositionsdauer, Konsequenz | Arbeitsschutz mit Expositionsbezug |
| Allgemeine Risikomatrix | Frei gewählte Skalen mit eigenen Ankern | Unternehmens-, Prozess- und IT-Risiken |
Ein Managementsystem nach ISO 45001 verlangt Verfahren zur Ermittlung von Gefährdungen und zur Bewertung von Risiken, nennt aber keine Methode. Nohl erfüllt die Anforderung, ist aber keine Vorgabe der Norm.
Woran es in der Praxis scheitert
Der Betrieb bewertet mit einer Skala für alles. Wer Arbeitsschutz- und Geschäftsrisiken in dieselbe Matrix schreibt, erhält eine Liste, in der ein Absturzrisiko und ein Zahlungsausfall dieselbe Farbe tragen.
Die Wahrscheinlichkeit wird geschönt. Ist keine Maßnahme finanziert, rutscht die Einstufung eine Stufe nach unten. Dagegen hilft nur eine kurze schriftliche Begründung je Einstufung.
Die Beurteilung wird nicht fortgeschrieben. Neue Maschinen, geänderte Abläufe, Beinaheunfälle und Unfälle sind Anlässe zur Überprüfung. Wie sich die dafür nötigen Meldungen einsammeln lassen, beschreibt der Beitrag zum systematischen Erfassen von Beinaheunfällen.
