Integrität ist das Schutzziel, nach dem Informationen vollständig und unverfälscht bleiben. Zwei Aussagen stecken darin: Erstens darf nichts unbemerkt verändert werden. Zweitens muss jede berechtigte Änderung nachvollziehbar sein — wer, wann, was, warum. Der zweite Teil wird häufig übersehen, obwohl er im Audit derjenige ist, nach dem gefragt wird.
Wo Integrität in der Praxis bricht
Selten durch Angriffe, meistens durch Alltag. Die typischen Fälle sind unspektakulär:
- Eine Preisliste liegt in drei Versionen auf drei Laufwerken, und niemand weiß, welche gilt.
- Zwei Personen bearbeiten dieselbe Kalkulationsdatei gleichzeitig, die zweite Speicherung überschreibt die erste.
- Eine Schnittstelle überträgt seit dem letzten Update ein Feld nicht mehr, und das fällt erst im Quartalsabschluss auf.
- Stammdaten werden per Zuruf geändert, ohne dass die Änderung dokumentiert ist.
Der letzte Punkt ist der teuerste. Wenn Materialstämme, Lieferantenbankverbindungen oder Grenzwerte ohne Freigabe änderbar sind, ist die Integrität an der wirtschaftlich empfindlichsten Stelle offen. Genau dort setzen auch Betrugsversuche an, etwa bei geänderten Kontodaten in Lieferantenstammsätzen.
Die Maßnahmen dahinter
Integrität wird durch vier Gruppen von Maßnahmen hergestellt. Zugriffsbeschränkung: Wer nicht ändern darf, kann nicht ändern — Schreibrechte werden getrennt von Leserechten vergeben. Freigabeverfahren: Kritische Änderungen brauchen eine zweite Person, das Vier-Augen-Prinzip ist die einfachste Umsetzung. Protokollierung: Änderungen werden mit Zeitstempel und Urheber festgehalten, und die Protokolle sind selbst gegen Änderung geschützt. Technische Prüfung: Prüfsummen, Eingabevalidierung, Abstimmungen zwischen Systemen.
Die Reihenfolge ist kein Zufall. Die erste Gruppe verhindert, die zweite kontrolliert, die dritte macht sichtbar, die vierte erkennt. Wer bei der dritten anfängt, protokolliert ein Chaos, das er vorher hätte begrenzen können.
Die Verbindung zur Dokumentenlenkung
Für Dokumente ist Integrität nichts anderes als konsequente Dokumentenlenkung: eindeutige Version, erkennbarer Freigabestand, ein Ort, an dem die gültige Fassung liegt, und ein geregelter Umgang mit den überholten. Die verbreitete Praxis, alte Fassungen „zur Sicherheit” im selben Ordner zu lassen, ist die häufigste Integritätslücke außerhalb der IT — und ein regelmäßiger Fund im internen Audit.
Woran es scheitert
Protokolle werden erzeugt, aber nie ausgewertet. Ein Änderungsprotokoll, das niemand liest, erfüllt seinen Zweck erst rückwirkend nach einem Vorfall — und auch nur, wenn es zu diesem Zeitpunkt noch existiert. Deshalb gehört zur Protokollierung immer eine Festlegung, wie lange aufbewahrt wird und wer in welchem Rhythmus hineinschaut.
Der zweite wiederkehrende Fehler: Administratoren dürfen die Protokolle löschen, die ihr eigenes Handeln aufzeichnen. Damit ist die Protokollierung genau für die Gruppe wirkungslos, die den größten Zugriff hat. Die Trennung von Betrieb und Protokollhoheit ist unbequem, aber der Punkt, an dem sich zeigt, ob Integrität ernst gemeint ist.
