SOC 2

SOC 2 — Prüfbericht statt Zertifikat

SOC 2 ist kein Zertifikat, sondern ein Prüfbericht über die Kontrollen eines Dienstleisters — erstellt von einem Wirtschaftsprüfer nach US-amerikanischen Prüfungsstandards. In Deutschland ist er vor allem dann relevant, wenn amerikanische Kunden ihn verlangen.

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Schreibtisch mit Unterlagen und Bildschirm in einem Büro

SOC 2 ist ein Prüfungsformat für Dienstleister, die Daten ihrer Kunden verarbeiten. Der Anbieter beschreibt sein System und die Kontrollen, mit denen er es steuert. Eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft prüft diese Beschreibung und die Kontrollen und gibt ein Urteil ab. Das Ergebnis ist ein Bericht, der an Kunden weitergegeben wird — meist unter einer Vertraulichkeitsvereinbarung, denn er enthält interne Details.

Der Standard stammt vom amerikanischen Berufsverband der Wirtschaftsprüfer und beruht auf dessen Prüfungsstandards. Das erklärt die wichtigste Eigenheit: SOC 2 ist keine Norm mit Anforderungskatalog, sondern ein Prüfungsrahmen. Die Kriterien geben Themen und Zielsetzungen vor, die konkreten Kontrollen formuliert der Anbieter selbst. Zwei SOC-2-Berichte können deshalb sehr unterschiedliche Sicherheitsniveaus abbilden — und beide sind formal in Ordnung.

In Deutschland spielt SOC 2 vor allem im Vertrieb eine Rolle. Wer Software als Dienst an amerikanische Unternehmen verkauft, wird im Beschaffungsprozess danach gefragt, und ein ISO-27001-Zertifikat wird dort häufig nicht als gleichwertig anerkannt — auch wenn es inhaltlich mehr aussagt.

Was geprüft wird

Grundlage sind die Trust Services Criteria. Verpflichtend ist immer die Kategorie Sicherheit, die sogenannten Common Criteria. Die übrigen vier Kategorien wählt der Anbieter nach seinem Geschäftsmodell.

KategorieGegenstandWann sinnvoll
SicherheitSchutz vor unbefugtem Zugriff auf System und Datenimmer, Pflichtbestandteil jeder Prüfung
VerfügbarkeitErreichbarkeit und Betriebsfähigkeit des Dienstesbei vertraglich zugesagten Verfügbarkeiten
VertraulichkeitSchutz von Informationen, die als vertraulich vereinbart sindbei sensiblen Kunden- und Geschäftsdaten
VerarbeitungsintegritätVollständigkeit und Richtigkeit der Verarbeitungbei Zahlungs-, Abrechnungs- und Transaktionsdiensten
DatenschutzUmgang mit personenbezogenen Daten nach US-Verständnisselten, deckt europäische Anforderungen nicht ab

Die Common Criteria sind in neun Gruppen gegliedert, die den Aufbau des Berichts bestimmen.

GruppeGegenstand
KontrollumfeldOrganisation, Verantwortlichkeiten, Integrität und Kompetenz des Personals
Kommunikation und Informationinterne und externe Information über Sicherheitsanforderungen
RisikobeurteilungErkennen und Bewerten von Risiken, einschließlich Betrugsrisiken
Überwachungsaktivitätenlaufende Überwachung und Behandlung von Schwächen
KontrollaktivitätenAuswahl und Umsetzung von Maßnahmen, auch in der Technik
Logischer und physischer ZugriffRechtevergabe, Authentisierung, Zutritt, Ausscheiden von Personal
SystembetriebÜberwachung, Störungs- und Vorfallbehandlung
ÄnderungsmanagementEntwicklung, Test und Freigabe von Änderungen
RisikominderungUmgang mit Geschäftsunterbrechungen und mit Risiken aus Dienstleistern

Drei Punkte entscheiden über die Aussagekraft des späteren Berichts.

Die Systembeschreibung. Sie ist der Teil, den der Anbieter selbst verantwortet, und der Teil, den Kunden zuerst lesen. Sie muss den Dienst, die Infrastruktur, die Beteiligten und die Grenzen des Systems zutreffend darstellen. Eine Beschreibung, die nicht zur Wirklichkeit passt, führt zu einem eingeschränkten Urteil — unabhängig davon, wie gut die Kontrollen sind.

Die Formulierung der Kontrollen. Der Anbieter legt selbst fest, was er zusagt. Wer eine Kontrolle zu eng formuliert, produziert Ausnahmen im Bericht: Eine Zusage, jeden Zugriffsantrag innerhalb von 24 Stunden zu genehmigen, wird bei 40 Stichproben irgendwann verletzt. Eine Zusage, Anträge dokumentiert zu genehmigen, hält. Beides ist zulässig — die zweite Variante beschreibt jedoch die tatsächliche Praxis.

Der Umgang mit Unterauftragnehmern. Fast jeder Anbieter nutzt Cloud-Infrastruktur und weitere Dienste. Der Bericht muss klären, ob deren Kontrollen ausgeklammert oder einbezogen werden. Bei der üblichen Ausklammerung müssen die Berichte der Unterauftragnehmer eingeholt und bewertet werden — und die Punkte, die der Kunde selbst erfüllen muss, gehören ausdrücklich in den Bericht.

Für wen sich SOC 2 lohnt und wann nicht

Der entscheidende Anlass ist der Vertrieb in die Vereinigten Staaten. Dort ist der Bericht in Beschaffungsprozessen etabliert, und Einkaufsabteilungen fragen ihn standardmäßig ab. Ohne Bericht verlängert sich die Prüfung des Anbieters um Monate voller Einzelfragebögen — oder das Geschäft kommt nicht zustande.

Der zweite Anlass sind Kunden, deren eigene Prüfer den Nachweis verlangen. Wer für Finanzdienstleister oder börsennotierte Unternehmen arbeitet, wird Teil deren Kontrollumfelds. Deren Abschlussprüfer akzeptieren einen Bericht über den Dienstleister als Nachweis — und zwar in dem Format, das sie kennen.

Gegen ein Projekt sprechen zwei Konstellationen. Für Anbieter mit rein europäischem Kundenkreis ist SOC 2 nachrangig: Hier wird ISO 27001 erwartet, im öffentlichen Sektor zusätzlich der BSI-C5-Kriterienkatalog. Und wer beides parallel startet, ohne die Kontrollen einmal gemeinsam zu entwerfen, zahlt zweimal für dieselbe Arbeit.

Nüchtern betrachtet sagt der Bericht weniger über das Sicherheitsniveau aus, als sein Ruf vermuten lässt. Da der Anbieter die Kontrollen selbst formuliert, ist ein Bericht ohne Ausnahmen auch bei bescheidenem Anspruchsniveau erreichbar. Wer einen fremden Bericht bewertet, sollte deshalb nicht auf das Urteil schauen, sondern auf die Liste der Kontrollen, den Prüfzeitraum, die einbezogenen Kategorien und die Behandlung der Unterauftragnehmer.

Der Weg zum Bericht

Der Ablauf unterscheidet sich grundlegend von einer Zertifizierung nach ISO-Norm. Es gibt kein Stufe-1- und Stufe-2-Audit, keine akkreditierte Zertifizierungsstelle und keinen Dreijahreszyklus.

Geltungsbereich und Kriterien festlegen. Welcher Dienst, welche Umgebungen, welche Kategorien. Jede zusätzliche Kategorie erhöht Aufwand und Prüfumfang, ohne den Vertrieb zwangsläufig zu erleichtern.

Kontrollen entwerfen und einführen. Aus den Kriterien werden eigene Kontrollen abgeleitet und im Betrieb verankert. In dieser Phase entsteht der eigentliche Wert des Projekts — vorausgesetzt, die Kontrollen beschreiben, wie tatsächlich gearbeitet wird.

Bereitschaft prüfen. Üblich ist eine Vorbewertung durch eine unabhängige Partei. Sie deckt Lücken auf, solange sie noch korrigierbar sind. Wer hier eine ehrliche Rückmeldung will, sollte sie nicht bei dem einholen, der später prüft.

Beobachtungszeitraum durchlaufen. Für einen Typ-II-Bericht muss ein Zeitraum vergehen, in dem die Kontrollen nachweislich gelaufen sind. Sechs bis zwölf Monate sind üblich; der erste Bericht deckt häufig einen kürzeren Zeitraum ab, spätere dann ein volles Jahr.

Prüfung und Bericht. Der Prüfer erhebt Nachweise, führt Stichproben durch und erstellt den Bericht. Feststellungen erscheinen als Ausnahmen im Berichtsteil und werden nicht entfernt — der Anbieter kann eine Stellungnahme beifügen.

Jährlich wiederholen. Damit keine Lücke zwischen den Berichten entsteht, schließt der nächste Zeitraum nahtlos an. Wer eine Lücke lässt, muss sie gegenüber Kunden erklären.

Woran Projekte scheitern

Der Typ wird falsch gewählt. Ein Typ-I-Bericht wird beauftragt, weil er schneller fertig ist. Der Kunde verlangt Typ II — und der Beobachtungszeitraum beginnt erst jetzt. Der Vertriebstermin verschiebt sich um Monate.

Die Systembeschreibung stammt aus einem Werkzeug. Werkzeuge zur Automatisierung von Nachweisen liefern Vorlagen, die schnell befüllt sind. Wenn die Beschreibung dann Komponenten enthält, die es nicht gibt, oder Grenzen zieht, die nicht stimmen, wird das im Prüfungsgespräch auffallen. Ein hoher Erfüllungsgrad in einem solchen Werkzeug ist kein Prüfungsurteil.

Zugänge Ausgeschiedener bleiben aktiv. Das ist die mit Abstand häufigste Ausnahme in SOC-2-Berichten. Ein Konto in einem Nebensystem — Monitoring, Ticketsystem, Wiki — wird beim Austritt vergessen, weil die Deaktivierung an mehreren Stellen manuell erfolgt.

Die Rechteüberprüfung findet einmal statt. Zugesagt ist eine vierteljährliche Überprüfung, dokumentiert ist eine. Bei einem Zeitraum von zwölf Monaten prüft der Prüfer alle vier — drei fehlen.

Notfalländerungen laufen am Prozess vorbei. Das Änderungsmanagement funktioniert im Regelbetrieb. Für dringende Korrekturen gibt es kein nachgelagertes Verfahren, sodass Änderungen ohne Ticket und ohne Freigabe im Protokoll auftauchen.

Unterauftragnehmer werden nicht bewertet. Die Berichte des Infrastrukturanbieters werden nie gelesen, und die dort genannten Punkte, die der Kunde selbst umsetzen muss, sind nie geprüft worden. Das ist eine strukturelle Lücke, weil ein wesentlicher Teil der Kontrollen dort liegt.

Kontrollen versprechen zu viel. Fristen und Zahlen in der Kontrollbeschreibung werden im Alltag nicht durchgehalten. Jede Abweichung wird zur Ausnahme im Bericht — und Ausnahmen bleiben dort stehen. Wie sich Nachweise so führen lassen, dass sie tragen, beschreibt der Beitrag zum Nachweis der Wirksamkeit von Maßnahmen.

Zwischen zwei Berichten klafft eine Lücke. Der Bericht endet zum Jahreswechsel, der nächste Zeitraum beginnt erst im Frühjahr. Für die Zwischenzeit gibt es kein Prüfungsurteil, und der Bridge Letter des Anbieters trägt nur begrenzt.

Abgrenzung zu Normen und anderen Prüfungen

Standard oder PrüfungGegenstandErgebnis
SOC 2selbst formulierte Kontrollen eines Dienstleisters gegen die Trust Services CriteriaPrüfbericht, Typ I zum Stichtag oder Typ II über einen Zeitraum
SOC 1Kontrollen mit Bezug zur Rechnungslegung des KundenPrüfbericht für Abschlussprüfer
SOC 3Kurzfassung von SOC 2 ohne Detailangabenfrei veröffentlichbare Zusammenfassung
ISO 27001Managementsystem für Informationssicherheit gegen einen festen NormkatalogZertifikat einer akkreditierten Stelle, drei Jahre
ISO 27017 und ISO 27018ergänzende Maßnahmen für Cloud-Dienste und personenbezogene Daten in der CloudErweiterung des ISO-27001-Zertifikats
BSI C5deutscher Kriterienkatalog für Cloud-DienstePrüfbericht nach Prüfungsstandard, im öffentlichen Sektor gefordert
ISAE 3000internationaler Prüfungsstandard für Prüfungen außerhalb der RechnungslegungPrüfbericht, Grundlage vieler europäischer Prüfungen
PCI DSSPflichtmaßnahmen für KartendatenKonformitätserklärung, zwölf Monate gültig

Für Anbieter mit Geschäft auf beiden Seiten des Atlantiks stellt sich die Frage nach der Reihenfolge. Der wirtschaftliche Weg beginnt in aller Regel mit ISO 27001: Das Managementsystem liefert die Struktur — Risikoverfahren, Statement of Applicability, Dokumentenlenkung, internes Audit, Managementbewertung —, und aus den dort festgelegten Maßnahmen lassen sich die SOC-2-Kontrollen ableiten. Der umgekehrte Weg ist mühsamer, weil SOC 2 die Managementsystemebene gar nicht verlangt und sie dann nachgebaut werden muss. Wer ohnehin beide Nachweise braucht, sollte die Kontrollen von Anfang an gegen beide Rahmen abbilden und Nachweise nur einmal erheben. Der Beitrag zur Zusammenführung mehrerer Normen in einem System beschreibt das Vorgehen, das sich auch auf Prüfungsformate anwenden lässt.

Häufige Fragen zu SOC 2

Gibt es ein SOC-2-Zertifikat?

Nein. Ergebnis einer SOC-2-Prüfung ist ein Bericht mit einem Prüfungsurteil, kein Zertifikat und kein Siegel. Der Bericht enthält die Systembeschreibung des Anbieters, die Beschreibung der Kontrollen, die durchgeführten Prüfhandlungen und deren Ergebnisse. Wer eine Urkunde erwartet, wird enttäuscht — die Aussagekraft liegt gerade in den Details, die eine Urkunde nicht transportieren könnte.

Was unterscheidet Typ I von Typ II?

Ein Bericht nach Typ I beurteilt, ob die Kontrollen zu einem Stichtag angemessen gestaltet sind. Ein Bericht nach Typ II beurteilt zusätzlich, ob sie über einen Zeitraum hinweg wirksam waren. Typ I ist schneller zu bekommen und wird oft als Zwischenschritt genutzt. Aussagekräftig für Kunden ist fast immer nur Typ II, weil erst dort geprüft wird, ob die Kontrolle im Alltag tatsächlich funktioniert hat.

Ersetzt SOC 2 eine ISO-27001-Zertifizierung?

Nein, und umgekehrt genauso wenig. ISO 27001 prüft ein Managementsystem gegen einen festen Normkatalog und führt zu einem Zertifikat einer akkreditierten Stelle. SOC 2 prüft selbst formulierte Kontrollen gegen allgemeine Kriterien und führt zu einem Bericht. Die inhaltliche Überschneidung ist groß, die Abnehmer sind unterschiedlich: In Europa wird das ISO-Zertifikat erwartet, im US-Geschäft der SOC-2-Bericht.

Wer darf eine SOC-2-Prüfung durchführen?

Nur eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, die nach den Regeln des amerikanischen Berufsstands dazu berechtigt ist. Beratungsunternehmen und Zertifizierungsstellen dürfen das nicht. Wer bei der Einführung der Kontrollen beraten hat, darf sie in aller Regel nicht selbst prüfen — die Unabhängigkeit des Prüfers ist Bestandteil des Urteils.

Was ist ein Bridge Letter?

Ein Bericht deckt einen abgeschlossenen Zeitraum ab, etwa bis zum Jahresende. Fragt ein Kunde im Frühjahr danach, klafft eine Lücke zwischen Berichtsende und Gegenwart. Der Bridge Letter ist eine Erklärung des Anbieters, dass sich an den Kontrollen seither nichts Wesentliches geändert hat. Er stammt vom Anbieter selbst, nicht vom Prüfer, und ist deshalb kein Prüfungsnachweis — Kunden akzeptieren ihn nur für kurze Zeiträume.

Welche Trust Services Criteria soll man wählen?

Sicherheit ist immer enthalten und für die meisten Anbieter ausreichend. Verfügbarkeit lohnt sich, wenn Zusagen zur Erreichbarkeit vertraglich vereinbart sind. Vertraulichkeit ist bei sensiblen Kundendaten sinnvoll. Verarbeitungsintegrität ist nur für Anbieter relevant, deren Leistung in der korrekten Verarbeitung von Transaktionen besteht. Jedes zusätzliche Kriterium bedeutet zusätzliche Kontrollen und zusätzliche Prüfhandlungen.

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