Eine harmonisierte Norm ist eine europäische Norm, die auf einen Normungsauftrag der EU-Kommission zurückgeht und deren Fundstelle im Amtsblatt der Europäischen Union veröffentlicht ist. Wer sie anwendet, darf davon ausgehen, dass er die grundlegenden Anforderungen der zugehörigen Rechtsvorschrift erfüllt. Diese Vermutungswirkung ist der einzige Zweck der Harmonisierung.
Wie eine Norm harmonisiert wird
Die Kommission erteilt einer der europäischen Normungsorganisationen — CEN, CENELEC oder ETSI — einen Normungsauftrag zu einer Rechtsvorschrift. Das Gremium erarbeitet die Norm, die Kommission bewertet, ob sie die grundlegenden Anforderungen abdeckt, und veröffentlicht anschließend die Fundstelle im Amtsblatt.
Erst dieser letzte Schritt erzeugt die Rechtswirkung. Bis zur Veröffentlichung ist die Norm eine gewöhnliche EN — technisch verwendbar, rechtlich ohne Vermutungswirkung.
Was die Vermutungswirkung leistet
Sie kehrt die Beweislast um. Ohne sie muss der Hersteller belegen, dass sein Produkt die grundlegenden Anforderungen erfüllt. Mit ihr wird das vermutet, und wer das Gegenteil behauptet, muss es zeigen.
Die Anwendung bleibt freiwillig. Ein anderer technischer Lösungsweg ist zulässig, verlangt aber einen eigenständigen Nachweis in der technischen Dokumentation. Das ist aufwendiger und im Streitfall angreifbarer, weshalb die meisten Hersteller den Normweg wählen.
Wichtig ist außerdem die Reichweite. Die Vermutungswirkung gilt nur für die Anforderungen, die die Norm tatsächlich abdeckt. Die Fundstelle im Amtsblatt nennt dazu häufig Einschränkungen. Wer sie überliest, hält sein Produkt für vollständig abgedeckt, obwohl ein Teil der Anforderungen offen bleibt.
Drei Verwechslungen, die regelmäßig auftreten
Harmonisierte Norm und harmonisierte Struktur. Die harmonisierte Struktur aus Anhang SL beschreibt den einheitlichen Aufbau von ISO-Managementsystemnormen. Mit dem EU-Recht hat sie nichts zu tun. Beide Begriffe treffen sich nur im Wort.
Norm und Rechtsakt. Eine harmonisierte Norm ist kein Gesetz und ersetzt keines. Sie ist ein Weg zur Erfüllung eines Rechtsakts. Der Unterschied zwischen Norm und Richtlinie bleibt bestehen.
Managementsystem und Produkt. Ein Zertifikat nach ISO 9001 betrifft das System, nicht das Produkt. Für produktbezogene Konformität gelten eigene Verfahren, in vielen Fällen unter Einbindung einer benannten Stelle.
Die Fristfalle steckt in der Ausgabe
Die Fundstelle nennt eine bestimmte Ausgabe der Norm. Erscheint eine neue Fassung, hat sie keine Vermutungswirkung, solange sie nicht ihrerseits gelistet ist. Wer die aktuellste Fassung anwendet, kann formal schlechter dastehen als jemand, der die gelistete ältere anwendet.
Umgekehrt setzt die Kommission Enddaten für die Vermutungswirkung abgelöster Fassungen. Zwischen beiden Daten liegt ein Zeitfenster, in dem die technische Dokumentation angepasst werden muss. Dieses Fenster wird übersehen, weil es weder von der Zertifizierungsstelle noch vom Normenverlag angekündigt wird — es steht nur im Amtsblatt.
